Abarthexperten bitte mal um Hilfe

  • Hallo zusammen,


    hier in Österreich versucht jemand seit einiger Zeit einen Fiat 600 abarth replika an den Mann zu bringen. Ich bin mit solchen Abarth-Umbauten überhaupt nicht vertraut, was hier tatsächlich "Abarth" ist und was nicht. Die technische Komponente, erstmal außen vor, gehts mir vor allem um das optische (klar die Sitze sind offensichtlich, diese Kotflügelverbreiterungen vorne ebenso, glaube auch mal irgendwo gelesen zu haben, dass es diese Drehzahlmesser mit 10.000 nicht so gab), ist das optisch ein replika oder mal so was von gar nicht?


    hier der Link:


    https://www.willhaben.at/iad/gebrauchtwagen/d/auto/fiat-600-fiat-abarth-850tc-replika-1383209876


    Nur kurz zur Einordnung, ich hatte einen 128er rally, den ich vor 2 Jahren im Anflug unglaublicher Dummheit verkaut habe, bin nun wieder auf der Suche nach etwas kleinem, quirrligem, mit dem man im Rahmen der Legalität auf der Straße Spaß haben kann.

  • Nur kurz zur Einordnung, ich hatte einen 128er rally, den ich vor 2 Jahren im Anflug unglaublicher Dummheit verkaut habe

    ...aber einsicht ist der erste weg zu besserung! :/


    falls hier nicht eine kurze knackige abarth schulung auftaucht, dann könntest du die suchfunktion, ganz oben rechts die lupe, bemühen. es gab dazu hier wirklich schon sehr gute beiträge. alternativ könntest du bei Abarth Coppa Mille mal auf's profil gehen, und unter "Beiträge" findest du in seinen Ausführungen, und auch den dazu gehörenden threads, sicher das extrakt für dein anliegen.


    besser noch... du findest aussagen die vielleicht interpretationsspielraum haben und hängst dich in diesen threads mit deinen nachfragen ran, so können wir hier alle noch weiter aufschlauen.


    good luck

    chris

  • Hallo (?),

    ich habe mir die Bilder und die Fahrzeugbeschreibung des steiermärkischen Profi-Anbieters genau angesehen und durchgelesen. Fazit von mir als FIVA-Prüfer für historische Abarth-Fahrzeuge. Da es als Replik angeboten wird, ist er als Händler auf der sicheren Seite. Aber der Wiener Karl Abarth würde sich angewidert abwenden !


    Aber was kauft man(n) hier ? Zunächst ist es ein Fiat 600D der 2. Serie, also produziert vor 5/64, der jetzt einen Fiat Abarth 850 TC Typ Nürburgring darstellen soll. Außer dem ABARTH-MOMO-Hupenknopf kann ich zunächst an dem Fahrzeug kein originales ABARTH-Teil feststellen. Es ist alles bunt zusammengebaut, so wie sich der kleine Fritz einen 64er Typ Nürburgring vorgestellt hat, mit allem was das Internet heute so hergibt.


    Fangen wir vorne mit Bild 1 an. Der zusätzliche Frontwasserkühler war eigentlich mit einer Abdeckung Typ "Monte Carlo" umhüllt gewesen. Die 8-reihige Frontniere ist ein polierter Alu-Nachguss, das Original war tiefgezogen aus Messingblech und verchromt. Die ABARTH-Haubengummis sind beide zu wurstig. Der Haubengriff ist stimmig, es fehlt der Schriftzug "Nürburgring".

    Bild 2: Das Auto steht auf Alu-Cromodora CD18, 5x13" aus den 70ern, weil die 13-Zöller über die Fiat 850 Scheibenbremsanlage passen müssen, original wären hier 12" Borrani Stahlfelgen, die nicht über die hier verbaute Bremsanlage gepasst hätten. Eine 12" Girling-Bremsanlage wird heutzutage in Gold aufgewogen. Die angepappten Radlaufverbreiterung aus Kunststoff haben hier nichts zu suchen. Scheibenwischerblätter zu lang. Der Pantograph kam erst beim 65er Corsa.

    Bild 3: Der 32 Liter Tank stammt aus Nachfolgemodell ab 5/64. Richtig wäre hier der seitlich nach rechts versetzte 27 Liter Tank.

    Bild 4: Wie bei Bild 2. Gut die Schwellerzierleiste zu sehen, die verschwindet bei den meisten Restaurationen. Dafür fehlt die horizontale Trennfuge am Übergang vom Kotflügel zum Aussenschwellerblech, wahrscheinlich zugespachtelt.

    Bild 5: Das Grauen. Vermutlich ein A-112 Motor, siehe Schraubölfilter. Wenn A1-Stempelung dann 982 ccm, wenn A2-Stempelung dann 1036 ccm, sonst alles von 903 - 965ccm möglich. Drehstromlima erst ab 1967 von Motorola, Hier gehört noch eine Gleichstromlima rein. Der Elektrolüfter hat an dieser Stelle nichts verloren. Blech zur Verstärkung des Motorträgers am Heckblech fehlt. Der Blick auf den variablen Haubenaufsteller sah früher anders aus. Ich frage mich, wo geht vom Kopf der Schlauch für den kleinen Kühlwasserkreislauf hin ? Die Kurbelgehäuseentlüftung gehört vom Stirndeckel und Ventildeckel zusammengefasst in einen Sammelbehälter hinten links, und nicht in den Pseudo-ABA-Luftfilter.

    Bild 6: Blick auf eine grottenschwere 2-teilige 8L-Alu-Ölwanne, die es für den Corsa ab 63 in Elektron-Guss gab. Hoffentlich ist die Sandgusswanne auch dicht ? Der Blick in die dünnen ABARTH-Auspuffenrohre ist historisch korrekt, aber nicht die gebastelte Schalldämpferbefestigung an dieser Ölwanne. Bei der richtigen Ölwanne für diesen Fahrzeug/Auspufftyp sind die beiden Stehbolzen seitlich horizontal in Angüsse eingeschraubt. Wird z.Zt. in der IT-Bucht für 2.500 EUR angeboten. Der einstellbare King-Kraftstofffilter fehlt hier oben links an der Motorschutzwand.

    Bild 7: Wie vorheriges Bild. Hier erkennbar das fehlende rechte Motorraumblech. Der Elo-Lüfter saugt hier im Kreislauf die warme Abluft wieder an. Der Hitzetod ist vorprogrammiert.

    Bild 8: Ein schöner Rücken kann entzücken, wenn der mittige, neumodische ABARTH-Schriftzug entfällt. Weniger ist mehr.

    Bild 9: Blick auf kompletten Radträger mit Scheibenbremse der 2. Fiat 850 Serie, siehe BG-Schmiedezeichen. Kein gesteckter Lenkhebel. Ein unterer Querlenker unbekannter Herkunft schaut ums Eck. Hier gehört eine Blattfeder als untere Radführung hin.

    Bild 10: Der Höhepunkt der Verirrungen ist hier zu sehen. Umbau auf eine Zahnstangenlenkung (126 oder 133 ?) mit den angebruzzelten Lenkungsträgern am Batteriekastenblech, und den im Balkan wie aus dem Vollen geschnitzten Alu-Vollgussklotz mit ABARTH-Schriftzug als Anlenkblock für die in Uniballs ausgelegten Schwingenlager. Wenn die Kroaten wenigsten Uniballs mit einer Feingewindesteigung zur Ausrichtung von Sturz und Nachlauf verwendet hätte. Geiz ist geil. Bei Abarth sind hier INA-Axial.-u. Radialnadellager zum Einsatz gekommen.

    Bild 11: Blick auf den unvollendeten Ölwannendeckel, dem die Bohrung für den Öltemperaturfühler fehlt, sowie auf zwei 6 mm Stehbolzen im Ölwannenkörper, die das Gewicht der Auspuffanlage mittragen sollen. Der Blick auf das Getriebe lässt erkennen, dass hier ein unechtes 5-Gang-Räderwerk im Gehäuse untergebracht worden ist, wie es früher vom Stocher (+) im Vinschgau/I angeboten wurde. Der (zu) lange 5. Gang ist hinten angehangen, die Abstufung ist nicht geometrisch, weil 1.-4. Gang Serie geblieben sind. Ein Hinterachsstabi ist nicht zu erkennen.

    Bild 12: Blick auf die obskure Vorderachskonstruktion, die hier ohne einen Querstabilisator auskommen muss ! Die Befestigung des Kühlerträgers am Aufbockblech mit nur einer Blechschraube ist sportlich. Die Verlegung der Vor.- und Rücklaufrohre für den Wasserzusatzfrontkühler wurde durch flexible Schläuche vereinfacht. Es fehlt das Schutzblech an der Bodengruppe zum Schutz der Bremsleitung etc.

    Bild 13: Anstelle des Küchensiebes auf dem Auspuffabschirmblech war früher für den Durchgang des doppelflutigen Abgaskrümmer hier ein umlaufend rollengesicktes Blech vorhanden gewesen. Erfreulich ist der Anblick eines periodengerechten und somit kontaktgesteuerten Zündverteilers. Über das übrige Motorlayout können nur Vermutungen angestellt werden, keinesfalls aber ein Motor mit 843 ccm.

    Bild 14: Was hat sich der Erbauer bei der Verlegung der Kraftstoffleitung und des K-Filters über dem Kühlergehäuse nur gedacht ? Wollte er die Dampfblasenbildung provozieren ? Über den Einbau eines Kühlwasserausgleichbehälter hätte man nachdenken können.

    Bild 15: siehe auch Bild 10

    Bild 16: Stabilose Vorderachskonstruktion. An der Karosserie kein Anschlagbock mit Gummi für das Querlenker-"Knotenblech" zu erkennen. Beim Durchfedern übernimmt das Stossdämpfer-Bodenventil den Endanschlag ? Gute Nacht. Die Uniballs mit nur 10 mm INBUS-Schrauben in das Gewinde des Alu-Vollkörpers eingeschraubt. Die Fa. Abarth verwendete hier eine 20 mm dicke Vollstahlwelle.

    Bild 17: Wie zuvor.

    Bild 18: Höhenverstellbarer Coilover Stossdämpfer mit geänderter Aufnahme am Schräglenker. 10 years later. Um Platz und Durchgang für die vermurksten Dämpferverstellringe zu schaffen, ist das Topknotenblech des Schräglenkers gekillt worden. Geht´s noch in der Alpenrepublik ?

    Bild 19: Wie zuvor.

    Bild 20: Nardi-Benzinpumpe ist OK. 32L-Tank aus späterem Modell. Leider kein Blick auf den Bremsflüssigkeitsbehälter nicht möglich, der hier noch im Kofferraumbodenblech seinen Sitz hat. Welcher HBZ ist hierverbaut ?!

    Bild 21: Alcantara-Sitze aus dem X1/9 ab 1978 im Lido-Modell verbaut, wären in Deutschland für eine H-Zulassung nicht möglich (10 Jahre Frist). Ist Geschmacks.- und Komfortsache.

    Bild 22: keine Rücksitzbank.

    Bild 23: 850 TC, alles nur Nomenklatur

    Bild 24: Wie sagt Speedy so treffend, Temu-Freestyle. Hier stimmt aber auch garnichts. DZM wäre max. 7.000 n/min, KM-Anzeige max. 170 km/h, das linke Kombi-Instrument wahrscheinlich umgelabeltes Land-Rover Instrument wo alles nach dem Mond geht ?! Das kann unser Richard aus Regensburg 100x besser. Selbst dieser MOMO-Hupenknopf mit dem Lederlenkrad ist hier falsch.

    Bild 25: RIA-Steckkarte (austauschbar), Registro Italiano Abarth, wo ist die Metallplakette (?!), dient der Zertifizierung und Dokumentation der "Echtheit" des ABARTH-Klassikers. Selbst der Einschluss von zeitgenössisch modifizierten Fahrzeugen wird bescheinigt.


    Fazit:

    Soviel Blindheit kann ich den italienischen Prüfern aber nicht zutrauen. Als FIVA-Prüfer für die Ausstellung einer FIVA-Identity Card könnte ich hier nichts bescheinigen oder unterschreiben. Die Wertfeststellung ist nicht Gegenstand einer solchen Prüfung !

    Kosten für ADAC-Mitglieder ca. 150 EUR. Mein Geschenk an dich lieber "sackil"


    Für das hier angebotene Fahrzeug wird sich bestimmt ein Käufer finden, denn jeden Morgen steht ein Blinder auf und will es haben, insbesondere weil hier auch das beruhigende §57a "Pickerl" der Alpenrepublik mit angeboten wird.


    Bei der Qualität der Karosserie und der eingesetzten Kosten für die hier verbauten Austauschteile, kann nach meiner vorsichtigen Fern-Einschätzung der Fahrzeugwert mit ca. 15 -18.000 EUR in Ansatz gebracht werden.


    Gruss aus dem ABARTH-Fahrzeugdschungel

    Klaus

  • Vielen Dank Klaus für diese ausführliche Analyse. Werde mich mit dem Fahrzeug dann definitiv nicht weiter beschäftigen.

  • Der Händler in der St. Eiermark hat ja noch ein anderes Schnäppchen Namens "Abarth" im Portfolio, wem der Temu-Ferrari zu billig sein sollte:

    Fiat 131 ABARTH GRUPPE 4

    Noch teurer Frankenstein, Armaturenbrett, Ölwanne, Getriebeabdeckung falsch.

    Trockensumpf und Gr.4 Tank fehlen.

    Zündverteiler und Zündmodul Abarth fehlen.

    Und und und. Horrible 😔